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Kleinsthaus aus Großplatten der Wohnungsbauserie 70

Verfasst von Sebastian Lauff am 30. November 20092,696 mal gelesen | Kein Kommentar
Plattenpalast

Plat­ten­pa­last

Archi­tekt Wie­wiorra Hopp Archi­tek­ten, Ber­lin
Bau­herr Cars­ten Wie­wiorra, Ber­lin
Pro­jekt­be­tei­ligte Klein­schmidt Bau, Ber­lin (Aus­bau); Reds­tone, Bre­men (Däm­mung); 8punkt8, Ber­lin (Fens­ter und Türen); Mar­tin Böker, Hin­ter­see (Dach); Mor­gen­stern Bau­aus­füh­rung, Spor­nitz (Fun­da­mente); BMK , Brandenburg/Havel (Mon­tage); Dan­foss, Offen­bach (Hei­zung)
Jahr 2009

Beschrei­bung

Bedingt durch den flä­chen­de­cken­den Bau lang­wei­li­ger Wohn­häu­ser in Groß­wohn­sied­lun­gen ohne Qua­li­tät und Anspruch haben Plat­ten­bau­ten heute ein schlech­tes Image. Bau­trä­ger und Inves­to­ren ent­schei­den sich meis­tens für ihren Abriss, um Platz für neue Pro­jekte zu schaf­fen. Dabei wer­den nach Mei­nung von Archi­tekt Cars­ten Wie­wiorra wert­volle Bau­stoffe ver­schwen­det, da gerade die Groß­ta­fel­bau­weise aus Beton­fer­tig­tei­len recy­cel­bare Bau­ele­mente lie­fert, die sich ohne gro­ßen Auf­wand sofort wie­der ein­set­zen las­sen. Um dies zu bewei­sen, baute Wie­wiorra unweit sei­nes Büro einen Pro­to­ty­pen aus Plat­ten­bau­be­ton­fer­tig­tei­len im Hin­ter­hof der Wol­li­ner Straße, einem geschichts­träch­ti­gen Ort unweit des ehe­ma­li­gen Grenz­strei­fens an der Ber­nauer Straße in Ber­lin. Anläss­lich des 20. Jah­res­ta­ges des Mau­er­falls wurde der Plat­ten­pa­last als Gale­rie mit wech­seln­den Aus­stel­lun­gen eröffnet.

Das außer­ge­wöhn­li­che Pro­jekt, das sicher­lich eine Dis­kus­sion über den Umgang mit Roh– und Wert­stof­fen aus­lö­sen wird, ist zudem Teil einer Stu­die des For­schungs­la­bors des Insti­tuts für Erhal­tung und Moder­ni­sie­rung von Bau­wer­ken an der TU Ber­lin. Diese hatte die zen­trale Frage der Wie­der­ver­wer­tung von Groß­flä­chen­plat­ten aus der Woh­nungs­bau­se­rie 70 (WBS 70) zum Thema. Unter­sucht wur­den die Ein­satz­mög­lich­kei­ten recy­cel­ba­rer Mate­ria­lien und die damit ver­bun­de­nen not­wen­di­gen Maß­nah­men. Im Vor­feld fand eine Bedarfs­er­mitt­lung für Wohn­raum statt und — nach ein­ge­hen­der Ana­lyse — stellt die Stu­die fest, dass die­ser nach neuen Wohn– und Rei­hen­häu­sern in klei­ne­rem Maß­stab und alter­na­ti­ven Stand­or­ten ste­tig ansteigt. Gleich­zei­tig sol­len bis 2020 rund 350.000 Woh­nun­gen in Plat­ten­bau­ten zurück­ge­baut werden.

Als ers­tes erar­bei­te­ten die Archi­tek­ten opti­male Grund­risse für ein Kleinst­haus, das die Grund­be­dürf­nisse Woh­nen, Essen und Schla­fen bedient, des­sen Struk­tur jedoch modu­lar erwei­ter­bar und als Bau­kas­ten­sys­tem bis zu drei Geschos­sen kon­zi­piert ist. Der Raum basiert auf einem L– oder U-förmigen Grund­riss, der sich dia­go­nal in die Höhe ent­wi­ckelt. Große Öffnun­gen sor­gen für einen hohen Lichteinfall.

Beim Kom­plett­rück­bau der Plat­ten­bau­ten wird im All­ge­mei­nen eine bau­teil­zer­stö­rende Abbruch­me­thode gewählt. Mit dem Ziel demon­ta­ge­fä­hige und recy­cling­fä­hige Gebäu­de­kon­struk­tio­nen zu tes­ten, wur­den aus aktu­el­len Rück­bau­vor­ha­ben Bau­ele­mente zur Wie­der­ver­wer­tung sorg­fäl­tig abge­tra­gen. Für das Test­ge­bäude Plat­ten­pa­last fan­den haupt­säch­lich Wand– und Decken­ele­mente Ver­wen­dung. Nach Prü­fung auf Funk­ti­ons­fä­hig­keit und Mate­ri­al­qua­li­tät wur­den die 13 abge­tra­ge­nen Plat­ten zunächst im Innen­raum der Peter-Behrens Halle unter opti­ma­len Bedin­gun­gen auf­ge­baut. In die­ser Phase fand auch ein Ver­gleich der unter­schied­li­chen Metho­den des Betonsä­gens und der mög­li­chen Ver­bin­dun­gen statt. Alle wie­der­ver­wen­de­ten Bau­stoffe wur­den, ebenso wie die neuen Mate­ria­lien, auf Umwelt­ver­träg­lich­keit, Ener­gie­bi­lanz und Wie­der­ver­wert­bar­keit geprüft. Für den Innen­aus­bau soll­ten eben­falls recy­cel­bare Bau­stoffe und Fer­tig­teile Ver­wen­dung finden.

Nach­dem der Stand­ort für das Gebäude gefun­den war, ent­stand der kom­plette Auf­bau aus meh­re­ren je 5,4 Ton­nen schwe­ren Beton­plat­ten inner­halb von zwei Tagen. Über ein­fa­che Stahl­la­schen und Bol­zen sind die Plat­ten mit­ein­an­der ver­bun­den. Schließ­lich soll der recy­celte Bau wie­der ein­fach zu demon­tie­ren sein. Die Fun­da­mente sind aus unbe­wehr­tem Beton C12/15 her­ge­stellt, der Erd­aus­hub wurde für die Model­lie­rung des umlie­gen­den Gelän­des ver­wen­det. Stürze mit einer Beweh­rung aus Car­bon­fa­sern über­span­nen die gro­ßen Öffnun­gen, Mat­ten aus Gum­mi­gra­nu­lat mit Polyurethan-Bindemitteln die­nen als Plat­ten­auf­la­ger, sodass auf eine Ver­mör­te­lung ver­zich­tet wer­den konnte. Als Ver­schluss der Fugen und zur Sicht­be­ton­kos­me­tik kam selbst­ver­dich­ten­der Beton zum Ein­satz. Kon­struk­tion und Her­kunft blei­ben sicht­bar. An der Fas­sade kam ein abge­bau­tes Ele­ment pro­mi­nen­ter DDR-Geschichte zum Ein­satz, das hier wei­ter exis­tiert. Fens­ter inklu­sive Rah­men stam­men vom Palast der Republik.

Der Innen­raum ist mit einer Sili­kat­däm­mung aus­ge­klei­det, die auf­grund ihrer Beschaf­fen­heit über eine hohe kapil­lare Saug­fä­hig­keit ver­fügt und des­halb Feuch­tig­keit gut puf­fern kann. Die an der Innen­seite der Wand ent­ste­hende Feuch­tig­keit wird auf­ge­nom­men und ins Dämm­plat­ten­in­nere gelei­tet. Auf­grund des nied­ri­gen Dif­fu­si­ons­wi­der­stan­des kann die Feuch­tig­keit spä­ter im Raum gut aus­trock­nen. Eine Dampf­bremse oder Dampf­sperre ist nicht nötig.

Bild­nach­weis: Cars­ten Wie­wiorra, Ber­lin außer Bild 3 von Andreas Kim­mel, Müns­ter
Quelle: Bau­n­etz Wis­sen Beton
via Beton.org: Objekte — Plat­ten­pa­last in Ber­lin — WBS 70 zum Kleinst­haus recy­celt.

Über den Author

Sebastian LauffMein Name ist Sebas­tian Lauff, ich bin Archi­tekt und seit 2009 betreibe ich Archimag.de als Hobby. Ich denke damit eine span­nen­den Platt­for­men für Kol­le­gen und allen ande­ren archi­tek­turin­ter­es­sier­ten geschaf­fen geschaf­fen zu haben. Ich freue mich über Eurer Feedback.


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